Couchpotato

Tiefe Zufriedenheit durchströmt mich. Woran das heute liegen mag weiß man nicht. Möglicherweise am Wetter. Der Himmel ist blau, der Wind weht nur sanft. Die Tempratur ist knapp unter meiner Wohlfühlschwelle aber mit Jacke gut zu ertragen.

Scheinbar geht es vielen Menschen so. Wohin man auch blickt sind lächelnde Gesichter. Nur vereinzelt unterbrechen Menschen die Szenerie, indem sie sich so in ihr Smartphone vertiefen, dass sie von der allgemeinen Glückseligkeit nichts mitbekommen.

Was ich mit dem Tag hätte anstellen können, hätte ich meinen Leib nur früher aus dem Haus geschoben… Radfahren, Spazierengehen, mit Freunden Kaffee trinken. Immerhin bekomme ich noch einen netten Eindruck vom endenden Tag. Komplett mit dem herzerwärmenden rötlichen Ton am Horizont.

Politikverdrossen

Es stehen Bundestagswahlen an. Mal wieder.

Alle vier Jahre wird man zur Urne gebeten, um das geringste Übel an die Spitze unseres Landes zu setzen. Doch wenn man sich nun jene Spitze ansieht gelangt man zwangsläufig zu der Frage, ob der mündige Bürger im Wahlbüro irgendwie unter Drogen gesetzt wird. Oder mit einer Art experimentellem Gedankenunterdrückungsstrahl beschossen.

Sicher findet die Meinungsfindung schon früher statt. Jeder wirbt für sich. Und zwar völlig hemmungslos. Mir wurde als Kind beigebracht, ich dürfe nicht lügen. Heißt nicht, dass ich es nie getan hätte. Wenn es darum ging, wer denn die Süßigkeiten verputzt hätte verstand ich es vorzüglich, den Eindruck zu erwecken, ich wasche meine Hände in Unschuld. Bei größeren Untaten jedoch fiel die Fassade recht schnell den bohrenden Blicken meiner Eltern zum Opfer. Sicher wegen des schlechten Gewissens. Dieses setzt jedoch Unrechtsbewusstsein voraus. Eine direkte Folge der Fähigkeit zur Selbstreflexion. Viele Primaten besitzen diese Fähigkeit, eingeschlossen uns Menschen. Die meisten zumindest.

Wir werden von der Politik belogen. Ganz offen. Völlig schamlos. Aber immerhin sehr souverän. Jeder weiß es, keinen stört es. Es ist Teil unserer Realität. Und wenn man gerade mal keine Lüge hört kann man sicher sein, dass etwas Wesentliches verschwiegen wird. Am liebsten mit Hinweis auf die Nationale Sicherheit.

Was brauche ich um erfolgreicher Politiker zu werden? Eigentlich nicht viel. So wie die meisten Parteien funktionieren reichen Geduld und Ignoranz aus. Selbstständiges Denken ist der politischen Karriere eher hinderlich. Man tritt in einer Partei ein, opfert ein wenig seiner Freizeit und lernt das Parteiprogramm auswendig. Dass dieses sich ca. alle zwei, spätestens alle vier Jahre nach den gerade aktuellen Strömungen in der öffentlichen Meinung ausrichtet macht die Sache nicht einfacher. Wenn man nun lange und laut genug mit den anderen Schafen in der Herde geblökt hat erhält man einen Listenplatz. So einfach. Auffallen gilt es zu vermeiden. Weder positiv noch negativ. Denn wer aus der Reihe tanzt könnte mit seinem denkenden Wesen große Politik verhindern.

Ein Kollege sagte einmal, dass nur Lebensversager und Idealisten in die Politik gingen. Wie viele echte Idealisten kennen Sie?

Die Wahrheit ist, dass man in der Politik nicht reich wird. Zumindest nicht auf legalem Wege. Oder richtiger auf ethisch korrektem Weg. Denn inzwischen das zweite mal wurde ein Gesetzesentwurf zur Bekämpfung von Korruption abgelehnt. Somit macht sich ein Abgeordneter nach wie vor nur dann strafbar, wenn er sein Schmiergeld im Abgeordnetenhaus entgegennimmt. Mir drängt sich irgendwie das Bild eines schmierigen Typen mit einem Koffer voll Bargeld auf, der Entscheidungen kauft. In einer Kneipe, völlig legal. Solange es nicht die Stimme des Bestochenen ist.

Tatsächlich hat Deutschland eine UN-Konvention zur Bekämpfung von Korruption unterschrieben. Jedoch bislang nicht Ratifiziert. 165 Länder konnten diese bereits umsetzen. Unter denen, die noch fehlen sind außer Deutschland auch Nordkorea und Syrien zu finden.

Zurück zum Lebensversager. Ein Mensch mit guter Bildung, mittelmäßiger Intelligenz und hoher Einsatzbereitschaft kann es in der Industrie weit bringen. Zu guten Konditionen was Entlohnung und Arbeitszeiten betrifft sowie mit einer schier unendlichen Auswahl möglicher Handlungsfelder. Wer nun Menschen erleben möchte, denen etwas vom Aufgezählten fehlt, möge bitte zur nächsten Gemeinderatssitzzung gehen. In der Kommunalpolitik drücken sich die Defizite, die von Erfolg in der freien Wirtschaft abhalten, so deutlich aus wie nirgendwo sonst. Einzig einen Mangel an Schamgefühl haben Einige uns Normalsterblichen voraus.

Natürlich möchte ich hier nicht Alle über einen Kamm scheren. Es gibt viele engagierte Politiker, die sich tatsächlich für ihre Gemeinde interessieren und versuchen, im Sinne der dort Ansässigen zu handeln. Doch damit kommen wir zum zweiten Problem. Eigentlich ist es uns doch egal. Wir wollen unsere Ruhe haben, morgens in der Frühstückspause die Zeitung mit den vier großen Buchstaben wälzen und uns ein wenig aufregen. Nicht übermäßig. Hauptsache, man kennt beim nächsten Auftritt am Stammtisch die gegröhlten Parolen. Dass mein kleiner Bruder seine Phantasieaufsätze für die Grundschule sorgfältiger Recherchiert fällt dabei nicht ins Gewicht.

Doch was soll ich nun ob so viel Frustration im September an der Wahlurne tun? Den einzigen Ausweg sehe ich in der Piratenpartei. Sie ist die Insel der Basisdemokratie im Meer des Lobbyismus. Sicher haben sie viele interne Reibereien. Diese sind jedoch auf die Parteikultur zurückzuführen. Dialog ist erwünscht. Meinungen werden gebildet. Nicht vorgegeben. In meinen Augen kein Nachteil.

Mir scheinen die Piraten manchmal die zuvor erwähnten Idealisten zu sein. Die letzte Partei in Deutschland, die noch an Demokratie glaubt.

Mediales Umfeld

Ich besitze kein Fernsehgerät.

Nicht etwa weil mir misfällt, was man da zu sehen bekommt. Naja, auch deswegen. Der eigentliche Grund ist aber ein einfacher: ich habe mir nie eins gekauft. Als ich den sicheren Schoß des Elternhauses verließ habe ich kein Gerät mitgenommen. Und um ehrlich zu sein war mir mein sauer verdientes Geld zu schade, um es für eine völlig überteuerte Flachbildverdummungsmaschine auszugeben.

Oft höre ich die Frage, wie zur Hölle ich denn ohne auskomme. Die Antwort lautet stets: ganz gut. Möglicherweise bin ich aber bei diesem Thema ein gebranntes Kind. Ich hatte in meiner Jugend das zweifelhafte Vergnügen, im Nachgang einer Operation am Gehapparat zwei Wochen lang quasi ans Bett gefesselt zu sein. Und auch wenn man viel liest möchte man den Kopf mal ausschalten. Dafür eignet sich unser Fernsehprogramm vorzüglich. Wer nicht aufpasst schwebt mit der Zeit immer öfter in den Sphären bekannter privater Sendeanstalten. Und auch wenn die Stories noch so platt sind, die Schauspieler in den täglichen „Reality“-Shows noch so schlecht – man bleibt doch irgendwie daran hängen. Und so freut sich der Zuschauer gar irgendwann über die sich wiederholenden Muster. Er kann den Ausgang jeder Folge nach den ersten drei Minuten mit 95%iger Wahrscheinlichkeit vorhersagen. Wer sich nun für clever hält ist bereits für die Menschheit verloren.

Ähnlich wie bei Junkies kann eine Überdosis töten (in diesem Falle geistig) oder in seltenen Fällen als eine Art Weckruf fungieren.

Das soll nun nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich mich nicht zu unserer gebildeten Schicht zählen möchte. Denn ebenso wie ein TV sucht man bei mir große Literatur vergeblich. Das ist Folge einer Entwicklung, der ich mich als „digital native“ erster Generation nicht entziehen konnte. Information ist für mich jederzeit leicht zugänglich. Wenn etwas fehlt helfen Websuchmaschine und Onlinelexikon schnell weiter. Jederzeit, überall. Es ist fast traurig, dass man einen Mangel an Wissen ohne Probleme verschleiern kann. Das sage ich bewusst so. Denn aus meiner Erfahrung führt diese Ömnipräsenz der Information genau dazu. Niemand muss sich etwas merken, weil das Smartphone alles weiß. Angefangen bei den Telefonnummern der Verwandten und engsten Freunde. Die habe ich schon lange vergessen.

In meinen Regalen stehen einige Fachbücher. Romane konsumiere ich wenn überhaupt nur auf dem Tablet als eBook. Im Café oder am See, auf Reisen im Zug oder im Auto. Einen Leseplatz habe ich zu Hause nicht eingerichtet. Aber er steht immerhin schon auf der ToDo-Liste.

Mit echten Büchern.